1.3.05

Die Heimkehr des Edelweiss

Sogar im fernen China fiel es auf: "The Sound of Music is coming home", titelte China Daily in Beijing, oder in deren eigenen Worten: 《音乐之声》重回奥地利 Das Musical, aus dem die offenbar nicht nur die angelsächsische Welt das kleine Österreich kennt, wird zum ersten Mal in Österreich produziert. Bravo Volksoper, du hast dir deinen Namen verdient.

Hierzulande wird ja vor allem die intellektuelle Nase gerümpft über Sound of Music, weil seine vorgeblichen Klischees mit dem realen Leben hier nichts zu tun haben. Aber die Verachtung von Sound of Music als Klischee paart sich wunderbar mit einem anderen Klischee, dass doch wir Ösis mit dem Dritten Reich nichts zu tun hätten. Volksliedersingende Menschen im Trachtenrausch? Doch nicht unter den urbanen Wienern, die sich im kernigen, naturverbundenen Ausseerland jahrelang anstellen, damit sie endlich die Lederhose als Basisoutfit bekommen. Passend, dass zur Premiere von Sound of Music in Wien in Salzburg gleich eine ganze Trachtenmesse stattfand; es gibt übrigens sogar Landesgesetze, die legen fest wie die Landestracht auszusehen hat.

Und von Musikantenstadl bis zum Tobi-Reiser-Quintett (übrigens Konkurrenten der singenden Trapp-Familie, die das Land nach dem so wunderbar "Anschluss" genannten Naturereignis nicht verließen) jodelts bei uns an allen Ecken und Enden wie sonst nur noch in Sound of Music. Apropos "Anschluss": Das wird Film & Musical gern als das andere Klischee vorgehalten, das geschichtlich nicht akkurat sei – stimmt, die Meisten sind geblieben und nicht geflohen wie die Trapps, und nicht wenige wurden zu strammen Nazis wie der kleine Briefträger, der doch nur ein bissl mit Liesl balzen wollt.

Wir finden, Sound of Music hätte sich einen 365-Tage-Spielort verdient, mit Matineen für Schulklassen die die Bundeshauptstadt besuchen. Im Foyer könnte dann eine kleine Ausstellung zeigen, was im Land passierte, nachdem die Trapp-Familie weg war und was der Sound of Music seinem Publikum nicht mehr erzählte -- freundlicherweise zum Schutz der
hiesigen Tourismusindustrie
. Wie wär's mit dem Ronacher, das doch noch immer nach seinem wahren Sinn in der Wiener Theaterszene sucht – hallo, Frau Zechner?