21.3.05

Telenovela (2): Der Osterkuss und Plan B

Was bisher geschah: Karl-Heinz und Fiona, Natalia und die Verwechslung eines Gas- mit einem Bremspedal, aber alles wird wieder gut.

Diesmal: Trotz Foto vom Kuss glaubt Natalia weiter an das Gute in Karl-Heinz. So ein Kuss auf den Mund des Mannes auf dessen Schoß man sitzt, das passiert eben auf Flughäfen, "sie hat sich über ihn gebeugt und ihn geküsst. Bussi, Bussi und Blabla" – wie man das von Weihnachtsfeiern aus Priesterseminaren kennt, ein Weihnachtskuss und eine Bubendummheit würde Bischof Kurt sagen.

Und was hätte Karl-Heinz schon tun sollen, "sie wegdrücken? Das tut man doch nicht!" Quasi ein Osterkuss, und Karl-Heinz hatte doch schon einen Plan B, um einen Deal mit dem bunten Blatt zu machen: Jetzt kein Foto mit Fiona, dafür eine Exklusivgeschichte von der Verlobung mit Fiona im kleinen Kreis gleich nach Ostern. Darauf hätten wir doch noch ruhig warten können.

18.3.05

New Economy Telenovela

Was bisher geschah: Karl-Heinz, nach einem langen Upgrade-Flug mit der offiziellen Verlobten aus den Ferien zurück, trifft heimlich in Paris Fiona. Er ist der "Mann meines Lebens, den ich immer gesucht habe", gesteht Fiona einer Postille ihres Vertrauens. Wird K.-H. den Mut haben, es Natalia zu sagen?

Erst als die Paprazzi-Illu die Bilder vom heimlichen Schmus auf dem Paris Airport bringen will und keine Intervention mehr hilft, gesteht Karl-Heinz Natalia seinen Change of Plan. Natalia ist verzweifelt, sie stürzt aus dem Lokal, im Porsche von K.-H.s Wahlonkel (dem K.-H. einen schönen Job in einer kleinen Firma seines Unternehmens verschaffen konnte) verunglückt sie.

Die verhängnisvollen Bilder mit dem heißen Kuss erscheinen, aber Fionas Sprecher kann aufklären: Die Liebe war doch nur platonisch. K.-H. eilt zu Natalia ins Spital und kann glückselig erklären: "Die Patientin" darf schon wieder nach Hause! Es ist wieder alles in Ordnung.

Werden sie noch heiraten? Wird er der Blendung von Fionas Millionen erliegen? Oder verliert K.-H.s Mentor und Firmenchef Wolfgang nach diesen Irrungen junger Herzen die Geduld und verstößt seinen talentiertesten Ziehsohn? Fortsetzung folgt.

8.3.05

Mannomann, Frauentag

Der Frauentag wirft für Männer ein Problem auf. Was macht Mann an diesem Tag? Bei Muttertag haben wir gelernt: Frühstück machen, Blumen kaufen, Kinder beschäftigen. Aber was ist das politisch korrekte Verhalten von Mann am Frauentag, wenn er nicht gerade Frauenminister oder Arbeitsminister oder Kindergartenminister ist und unmittelbare Linderung von Unrecht bringen kann, was die betreffenden sicherlich heute bis weit über Mitternacht beschäftigt? Den Tag im Bett verbringen und aus dem Blickfeld von Frau verschwinden? Ein Kapitel Jelinek lesen? Oder doch Blumen schenken?

6.3.05

Beauftragte Rutschpartie

Dieselbe besorgt fürsorgliche Stimme, die auf den Wiener Linien auch immer wieder melden muss, dass es zu "Verzögerungen in beiden Richtungen" kommt, aber dass "wir" natürlich bemüht sind die regulären Intervalle rasch wieder herzustellen -- also dieselbe besorgt fürsorgliche Stimme muss uns in diesen kalten Spätwintertagen davor warnen, dass es auf den Plattformen der offenen Stationen zu Glatteisbildung kommen kann, aber dass "die beauftragten Unternehmen" bereits bemüht sind unsere Rutschfestigkeit wieder herzustellen. Ja, wenn's Glatteis gibt und sich einer den A. wehtun könnt, da ist es mit dem "wir" auf den Wiener Linien vorbei. Beschweren Sie sich doch bei den "beauftragten Unternehmen".

5.3.05

Poo-Bags für den Heldenplatz

Also, ohne jetzt Ideologiedebatten epischer Breiten darüber lostreten zu wollen, wer wem & was gedenkt und ob das alles nur eine Aktion zur Vereinnahmung von Geschichte ist (nebenbei, welche Funktion hätte Geschichte sonst?):

Das mit den vermauerten Pferden am Heldenplatz funktioniert nicht.

Da spazierst du an einem sonnigen Spätwintertag vom Rathaus zur Hofburg, und was passiert? Du stolperst einfach von einer Baustelle zur nächsten. Vor dem Parlament wird aufgegraben als hätte die Zweite Republik noch ein paar Leichen im Keller und obenauf steht ein Häusl am Dach, was immer das gedenkt. Dann gehst du weiter zum Heldenplatz rüber und kommst zu nächsten Baustelle. Wien sowieso eine einzige permanente Baustelle, was sollte da eine weitere vor der Hofburg schon für Gedanken auslösen?

Naheliegenderweise die, die diesem Samstag offenbar auch zwei japanische Touristen hatten, die das Gerüst rund um das Denkmal von Prinz Eugen studierten, pflichtbewusst abfotografierten und mit neugierigem Interesse fragten, ob das jetzt zur Renovierung von Ross und Reiter diene? Weil man mit dem Fremden in der Stadt keinen Schabernack treibt verkneifst du dir die Antwort, dass die Pferde neuerdings Poo-Bags brauchen und das Denkmal den Fiakern visavis ein gutes Vorbild geben soll, also erklärst du, pflichtbewusst, dass hier des Krieges gedacht wird, als die Denkmäler eingemauert waren um sie zu schützen, Gegenfrage: "Which war?"

Oder bei Nacht könntest du fast glauben, dass jetzt die Hofburg auch so einen modernen Eingang bekommt, wie die Pyramide im Louvre, immerhin stehen ja solche Quader auch im Messepalast. Vielleicht wärs ja auch eine Gelegenheit, wie das Museumsquartier doch noch zu einem Leseturm kommt, wenn er nur Ohrwascheln wie der dahinterstehende Bunker bekommt, dann könnte man es der Krone gegenüber als Gedankenjahraktion tarnen.

Wie gesagt, die Geschichte funktioniert nicht, rein vom Effekt her gesprochen. Vielleicht liegt es ja auch den Plastikplatten, die gerade von drei Dekorateuren an den Holzplatten festgetackert werden um Ziegel zu imitieren; wir hätten uns schon echte Ziegel erwartet, wenn man eines so monumentalen Ereignisses gedenken will. Aber nicht mal dafür reichts bei dieser Regierung.

1.3.05

Folter auslagern

Beschäftigt sich eigentlich irgendjemand in Europa mit Menschenrechtsfragen bei unserem treuen Verbündeten, in den USA? Wir meinen jetzt nicht, ob sich linkslinke oder rechtsrechte antiamerikanische Gruppen damit beschäftigen, oder ehrenwerte Organisationen wie Amnesty International, davon gehen wir sowieso aus.

Nein, wir meinen Institutionen wie die Europäische Kommission oder das Europäische Parlament, das (zu Recht) routinemäßig bei seinen Sitzungen Besorgnis über bedenkliche Entwicklungen in fast aller Herren Länder in diversen Resolutionen ausdrückt. Beschäftigen in der gründlichen Art, wie etwa das US State Department, das gerade wieder seinen Human Rights Report 2004 veröffentlichte; im Abschnitt über Österreich kann man unter Section 1 C nachlesen, dass es nur "gelegentliche Berichte zu Polizeiübergriffen" gibt, die im Jahr 2003 zu 988 Beschwerden führten, von denen 983 fallen gelassen wurden und Ende 2003 noch 73 Fälle anhängig waren. Sehr ordentlich, auch die Erinnerung daran, dass jener von Benita Ferrero-Waldner erfolgreich wegen Foltervorwürfen aus dem Kosovo heimgeholte Polizist sich noch immer nicht vor den Behörden im Kosovo verantworten musste (nebenbei, vor inländischen Behörden auch noch nicht). Oder dass dem Bundesheer Misshandlungen seiner Grundwehrdiener im Zuge der Ausbildung vorgeworfen wird.

Wie es bei solchen Themen in den USA aussieht scheint hingegen den europäischen Instanzen eher wurscht zu sein, um es mal flapsig auszudrücken. Dabei gebe es gute Gründe sich das genauer anzuschauen. Im New Yorker, der auch den Folterskandal von Abu Ghraib aufdeckte, berichtet uns Jane Mayer diese Begebenheit: Der 34-jährige Kanadier Maher Arar wurde im Herbst 2002 am JFK-Flughafen in New York beim Umsteigen von Tunesien nach Kanada aufgegriffen, weil er auf einer Watchlist der US-Behörden wegen Verdachts auf terroristische Aktivitäten stand.

Jetzt stellt man sich das zuerst so vor wie im guten Film, mit Rechte vorlesen und einem freien Anruf bei einem Anwalt. Aber es war mehr so wie in den bösen Filmen, wo Männer in schwarzen Anzügen den Betreffenden in ein großes schwarzes Auto schleppen und anschließend an einem gottverlassenen unbekannte Ort in einer dunklen Zelle verschwinden lassen. Arar wurde 13 Tage lang verhört, dann mit Hand- und Fußschellen in einem Gulfstream-Privatjet, der auf eine fiktive Firma namens Bayard Foreign Marketing registriert ist und auf US-Militärbasen in aller Welt landen darf, nach Jordanien geflogen. Dort wurde er den Syriern übergeben, die ihn in einer fensterlosen unterirdischen Zelle einsperrte und per Folter nach terroristischen Verbindungen "befragte". Irgendwann gestand er alles, was seine Folterer hören wollten: "Man gibt einfach auf, man wird wie ein Tier."

Freigelassen wurde er erst, ohne dass je Anklage gegen ihn erhoben wurde, aufgrund einer Intervention der kanadischen Regierung – ein Jahr später, im Oktober 2003. Arar ist wohl kein Einzefall, Experten schätzen die Zahl der Festnahmen ohne offizielles Verfahren auf 150, nichts genaueres weiß man nicht. "Outsourcing Torture" nennt dies der New Yorker (eine Kurzfassung gibt es bei der Herald Tribune) – die USA lassen foltern. Nur nebenbei: Syrien ist natürlich der jüngste Schurkenstaat im Visier der USA. Ach ja, und im sehr ausführlichen Human Rights Report des State Department fehlt übrigens ein Land – die USA.

Weil wir gerade dabei sind: Wann hat sich eigentlich zuletzt jemand in Europa (auf Regierungsebene) um die hunderten Gefangenen auf Guantanamo Bay gekümmert, die dort (nach Auffassung der US-Regierung) "außerhalb der Genfer Konvention" bis zum Sankt-Nimmerleinstag verkommen?

Die Heimkehr des Edelweiss

Sogar im fernen China fiel es auf: "The Sound of Music is coming home", titelte China Daily in Beijing, oder in deren eigenen Worten: 《音乐之声》重回奥地利 Das Musical, aus dem die offenbar nicht nur die angelsächsische Welt das kleine Österreich kennt, wird zum ersten Mal in Österreich produziert. Bravo Volksoper, du hast dir deinen Namen verdient.

Hierzulande wird ja vor allem die intellektuelle Nase gerümpft über Sound of Music, weil seine vorgeblichen Klischees mit dem realen Leben hier nichts zu tun haben. Aber die Verachtung von Sound of Music als Klischee paart sich wunderbar mit einem anderen Klischee, dass doch wir Ösis mit dem Dritten Reich nichts zu tun hätten. Volksliedersingende Menschen im Trachtenrausch? Doch nicht unter den urbanen Wienern, die sich im kernigen, naturverbundenen Ausseerland jahrelang anstellen, damit sie endlich die Lederhose als Basisoutfit bekommen. Passend, dass zur Premiere von Sound of Music in Wien in Salzburg gleich eine ganze Trachtenmesse stattfand; es gibt übrigens sogar Landesgesetze, die legen fest wie die Landestracht auszusehen hat.

Und von Musikantenstadl bis zum Tobi-Reiser-Quintett (übrigens Konkurrenten der singenden Trapp-Familie, die das Land nach dem so wunderbar "Anschluss" genannten Naturereignis nicht verließen) jodelts bei uns an allen Ecken und Enden wie sonst nur noch in Sound of Music. Apropos "Anschluss": Das wird Film & Musical gern als das andere Klischee vorgehalten, das geschichtlich nicht akkurat sei – stimmt, die Meisten sind geblieben und nicht geflohen wie die Trapps, und nicht wenige wurden zu strammen Nazis wie der kleine Briefträger, der doch nur ein bissl mit Liesl balzen wollt.

Wir finden, Sound of Music hätte sich einen 365-Tage-Spielort verdient, mit Matineen für Schulklassen die die Bundeshauptstadt besuchen. Im Foyer könnte dann eine kleine Ausstellung zeigen, was im Land passierte, nachdem die Trapp-Familie weg war und was der Sound of Music seinem Publikum nicht mehr erzählte -- freundlicherweise zum Schutz der
hiesigen Tourismusindustrie
. Wie wär's mit dem Ronacher, das doch noch immer nach seinem wahren Sinn in der Wiener Theaterszene sucht – hallo, Frau Zechner?