22.10.06

Ich stehe zur Verfügung!

Die Ringe unter meinen Augen werden immer tiefer, meine Frau und mein Hund sprechen nicht mehr mit mir, meine Sozialkontakte verkümmern. Aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Regierungsbildungen sind nun einmal kein Honigschlecken. Da muss ich jetzt durch. Ich stehe zur Verfügung!
Tag und Nacht starre ich auf mein Mobiltelefon, wann endlich die magische Nummer im Display erscheint, wann endlich der ersehnte Anruf kommt. Um drei Uhr früh, wenn mir das müde Haupt auf die sehnsüchtig gefalteten Hände sinken will, reißt mich der elektrisierende Gedanke an meine strahlende Zukunft wieder empor: Pompöse Titel, schlanke Sekretärinnen, dicke Dienstautos. Ich stehe zur Verfügung!
Mitunter kommen mir Zweifel, ob ich es auch richtig angehe. PISA-Chef Günter Haider hat jetzt schon zum fünften Mal in Interviews erklärt, dass er zur Verfügung steht. Der Salzburger Landesrat Erwin Buchinger prescht jede Woche mit einem neuen Vorschlag vor, damit auch nur jeder weiß, dass er zur Verfügung steht. In all diesen Arbeitsgruppen sitzen überhaupt lauter Leute, die zur Verfügung stehen. Und ich bin in keiner dieser Sitzungen der Zur-Verfügung-Steher dabei. Trotzdem: Ich stehe zur Verfügung!
Besonders arg ist es bei Kunst und Kultur. Jeder, der schon einmal am Burgtheater vorbeigegangen ist, gilt plötzlich als ministrabel. Jeder, der schon einmal ein Autogramm gegeben hat, jeder Berg- und Tal-Doktor, jeder Komparse, Pinselwäscher und Souffleur, einfach jeder steht zur Verfügung. Dabei wissen die wenigsten, dass meine Großmutter mit der Köchin der Schwägerin von Paula Wessely befreundet war. Ich stehe zur Verfügung!
Auch sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich seinerzeit zur Schule ging, dass ich ein Inneres wie ein Äußeres besitze, dass ich sozialen Verkehr habe, dass ich ein stadtbekannter Abkanzler bin, dass ich mit meinen Finanzen in der Regel ganz gut wirtschaften kann, dass ich landwirtschaftliche Produkte (vor allem in flüssiger Form) konsumiere, dass ich mehrere Frauen kenne, dass ich auch einmal der Jugend angehört habe und zweifellos bald Senior sein werde, dass ich bei guter Gesundheit bin, dass ich Papierflieger basteln kann, dass ich Sport betreibe, dass ich ...

Der Anruf! Endlich! JA, JA, JA, HERR PARTEICHEF, ICH STEHE ZUR VERFÜGUNG!

Falsch verbunden.